Personalberatung - ein "People Business", das auf Maschinen und künstliche Intelligenz setzt?

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Das Recruiting unterliegt einem großen Wandel, entsprechend sind Personalberatungen dazu aufgerufen, ihre Prozesse dem „state of the art“ anzupassen. Active Sourcing, Social oder Mobile Recruiting und Employer Branding gewinnen zunehmend an Bedeutung. Jobanwärter möchten sich keinem komplizierten Bewerbungsprozess stellen, sondern direkt vom Unternehmen angesprochen werden – und das am besten zeit- sowie ortsunabhängig via Smartphone.

Aufwendig verfasste Anschreiben und feingetunte Lebensläufe könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Der moderne Digital Native hat heutzutage alle Informationen auf seinen Social-Media-Profilen hinterlegt. Der Vorteil dieser Datendigitalisierung liegt auf der Hand – Bewerber machen sich für die Öffentlichkeit transparent und können daher gezielt von Unternehmen gefunden, anstatt selbst aktiv zu werden.

Die Effizienz des Auswahlprozesses steigt, da Unternehmen auf intelligente Algorithmen zurückgreifen, um den passenden Kandidaten ausfindig zu machen.

 

Diese digitale Transformation des Recruitingprozesses geht also mit einer nicht unerheblichen Ressourcenersparnis einher und das sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite. Der klassische Fall einer Win-win-Situation.

Doch ist der Einsatz neuester Technologien unterm Strich tatsächlich effizienter als der klassische Weg über den Menschen? Inwieweit kann sich ein „People Business“ auf den Einsatz von Maschinen stützen, ohne dabei an Wertschöpfung oder Glaubwürdigkeit zu verlieren? Anders gefragt: Können künstliche Intelligenz, Social Media und Co. menschliche Qualitäten erfolgreich ersetzen?

Können künstliche Intelligenz, Social Media und Co. menschliche Qualitäten erfolgreich ersetzen?

Hier steckt der Teufel sprichwörtlich im Detail. Es kommt vor allem darauf an, wie genannte Recruiting-Tools eingesetzt werden. Zielführender als die Frage nach dem Vergleich Mensch versus Maschine ist die Frage nach einer sinnvollen Zusammenarbeit.

Der Trend zeigt ganz klar, dass sich Digitalisierung, Technologisierung und ein damit einhergehender Generationenwandel auf das Recruiting auswirken. Daher sind zwei Dinge von größter Bedeutung: die Vorbereitung und das Mindset. Mit einer genauen Vorstellung dessen, was in den nächsten Jahren auf die Branche zukommen wird, erhöht sich bei den Mitarbeitern automatisch die Akzeptanzrate sowie die Offenheit gegenüber der Veränderung. Neben der Theorie ist die Exekutive natürlich der elementare Schritt, um in der „neuen Recruiting-Realität“ Fuß zu fassen. Wer schnell handelt, kann sich sogar einen wertvollen Wettbewerbsvorteil sichern und sein Employer Branding stärken.

Wettbewerbsvorteile durch neue Recruiting-Tools

Konkret könnte das bedeuten, geeignete Jobanwärter durch intelligente Algorithmen zu finden, den Erstkontakt über Chatbots zu knüpfen, die Jobvakanz per Videoclip vorzustellen sowie parallel als Facebook-Ad an eine benutzerdefinierte Zielgruppe auszuspielen und das Relationship Management mithilfe automatisierter E-Mail-Marketing-Tools zu vereinfachen. Doch zu einer guten Vorbereitung sowie durchdachten Umsetzung gehört auch die Befähigung der Recruiter. Das beste Recruiting-Tool ist wertlos, wenn das Wissen über die fachgerechte Anwendung fehlt. Schulungen, Webinare und Videotutorials können dabei behilflich sein, das benötigte Know-how ansprechend zu vermitteln – also auch in diesem Bereich können neue Medien äußerst dienlich sein.

Der zweite Schlüsselfaktor ist das Mindset, die innere Einstellung, mit der man dem Wandel begegnet. Eine Gefahr lauert nur für diejenigen, die sich vor der Technik fürchten und befürchten ersetzt zu werden oder nicht mithalten zu können. Tatsächlich kann der gekonnte Einsatz neuer Medien genau das Gegenteil bewirken: Sind automatisierte Prozesse erst einmal fest installiert, gewinnt der Recruiter wertvolle Zeit sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Darüber hinaus kann ein gut durchdachter und persönlich gestalteter E-Mail-Automatismus ein Zeichen der Wertschätzung für den Jobkandidaten oder der qualitativ hochwertigen Kundenbetreuung sein. Ebenso verhält es sich mit Chatbots, die den Websitebesucher genau in dem Moment „abholen“, wenn sein Interesse für die entsprechende Vakanz am größten ist. Videobewerbungen ermöglichen dem Jobkandidaten sich authentisch und individuell zu präsentieren. Ebenso verhält es sich mit Videostellenanzeigen für hochqualifizierte Jobs. Hier hat der Recruiter die Möglichkeit sich als kompetenter Ansprechpartner zu positionieren und die Vorzüge des Stellenangebots gezielt hervorzuheben.

Diese Beispiele zeigen, dass Mensch und Maschine durchaus Hand in Hand funktionieren können und somit das „People Business“ sinnvoll ergänzen, anstatt die menschliche Komponente zu ersetzen.

Trotz der scheinbar unendlichen Möglichkeiten stehen die meisten Personalberatungen noch ganz am Anfang ihrer technologischen Transformation. Eine gewisse Skepsis in Richtung Qualitätsstandard ist berechtigt. Denn bei all den Vorteilen, die die angesprochenen Neuerungen mit sich bringen, dürfen altbewährte Elemente nicht völlig von der Recruitingoberfläche verschwinden.

Technologiewandel, Generationenwandel und Digitalisierung erfordern ein Umdenken

Tatsächlich bringen neue Entwicklungen stets neue Fragestellungen mit sich. Beispielsweise gilt es zu klären, inwieweit die Kandidatenqualität durch den Einsatz von Algorithmen zu- oder abnimmt, ob die Mitarbeiterbindung nach einer Einstellung davon beeinflusst wird und ob das aktive (Ab)werben der Unternehmen dazu führt, dass sich die Arbeitsdauer der Mitarbeiter aufgrund ständig konkurrierender Jobannoncen verkürzt. Es stellt sich die Frage, ob Arbeitgeber zukünftig mehr bieten müssen, um langfristig attraktiv zu bleiben und ob eine Veränderung des Bewerbungs- bzw. Personalbeschaffungsprozesses auch einen Wandel des Arbeitsplatzes mit sich bringt.

Vielleicht ist es an der Zeit nicht nur das Recruiting umzustrukturieren, sondern den Blick in Richtung der Dinge zu lenken, die dem Arbeitnehmer Anreiz und Wertschätzung bringen. Zufriedene Mitarbeiter sind im Grunde die beste Sparmaßnahme überhaupt, denn sie bringen mehr Leistung, sind weniger krank, sorgen für ein besseres Betriebsklima, fungieren als wertvolle Corporate Ambassadors und binden sich länger an das Unternehmen. Gleichzeitig müssen keine Ressourcen in Maßnahmen investiert werden, die dem schlechten Ruf basierend auf Mitarbeiterbewertungen entgegenwirken.

Technologisierung schafft Transparenz, die vor allem für den Arbeitnehmer von Vorteil sein kann, wenn sich dieser authentisch über das Unternehmen informieren möchte. Aber auch hier lauern Tücken, denn wer sich auf Referenzen diverser Bewertungsplattformen verlässt, bekommt statistisch gesehen die negative Breitseite der zahlenmäßig überlegenen Nörgler ab oder wird von gefakten Mitarbeiterbewertungen getäuscht.

Unternehmen holen sich immer öfter Influencer mit ins Boot, die aufgrund ihrer sozialen Reichweite sowie eines starken Bezugs zur Zielgruppe Werbebotschaften gewinnbringend verbreiten können. Auch wenn dieses Vorgehen, das sogenannte Influencer Marketing, ein potenzielles Tool für das Recruiting sein kann, müssen auch hier die Risiken kalkuliert werden. Zum einen gibt das Unternehmen die Verantwortung in fremde Hände, zum anderen läuft man Gefahr eines Imageverlustes durch eine unglaubwürdige Kampagne bzw. einen weniger vertrauensvollen Influencer.

Was viele Unternehmen schlichtweg vergessen oder unterschätzen ist das wohl mächtigste Instrument, wenn es um Beeinflussung und Meinungsbildung geht: Word-of-Mouth oder zu Deutsch, Mund-zu-Mund-Propaganda. Diese kann sowohl analog, als auch in der online Welt erfolgen. Dafür braucht es keine Social-Media-Stars, sondern einfach nur die ehrliche und authentische Überzeugungskraft der eigenen Mitarbeiter oder bereits bestehender Kunden. Dieses Potenzial zu nutzen kann einen wichtigen Erfolgsfaktor darstellen, um in Sachen Employer Branding zu punkten und sich originell vom Wettbewerber abzuheben.

Mehr Menschlichkeit durch den Einsatz von Technik?

Nicht alles, was die Social-Media-Nutzung anbelangt ist Gold, jedoch können die neuen Medien wichtige Recruiting-Elemente zum Glänzen bringen. Ein super Beispiel dafür sind Meetups. Die organisierten Zusammentreffen dienen dem Zweck, Interessengruppen gewinnbringend zu einer Community zu vereinen. Die Werbung und Kommunikation für Meetups läuft zumeist über Social Media, Webpräsenzen oder Apps, der Austausch findet hingegen in klassischer Face-to-Face-Manier statt. Der Mehrwert des Interessenaustauschs verbindet die Mitglieder, ein Verbund, der später als effektive Recruiting-Ressource dienen kann.

Letztendlich ist es jeder Personalberatung selbst überlassen, an welchen Stellen die Prioritäten gesetzt werden, sprich wann und auf welchen Zug man mit aufspringen möchte. Tatsache ist, dass der Zug der technischen und digitalen Transformation schon lange ins Rollen gekommen ist und in den nächsten Jahren noch weiter an Fahrt gewinnen wird. Diejenigen, die diesen Fakt ignorieren, werden den Aufsprung womöglich nicht mehr schaffen und früher oder später überrollt werden – zum einen von fortschrittlichen Wettbewerbern und zum anderen von der Unfähigkeit auf die Bedürfnisse der Generationen Y, Z und Alpha adäquat eingehen zu können. Wer den Mut beweist, sich der Herausforderung zu stellen, hat die wertvolle Chance mithilfe von technischen Tools menschlich zu glänzen.

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